31. August 2020 – Ferrari total hilflos: Vettel 13. – Hamiltons nächste Triumphfahrt

Von Jens Marx und Thomas Wolfer, dpa

Lewis Hamilton fehlen nur noch zwei Siege zum Schumacher-Rekord. In Belgien macht der Formel-1-Superstar den Klassiker zum Langweiler. Bei Ferrari geht fast gar nichts: Vettel und Leclerc sind nur noch Hinterherfahrer. Und das vor den kommenden Italien-Wochen.

Als Lewis Hamilton seinen Silberpfeil wieder mal vor dem Schild mit der Nummer eins parkte, rumpelte Sebastian Vettel noch auf den letzten Metern mit seinem lahmen Ferrari über die Strecke. «Man kann viel Erkenntnis mitnehmen, aber die ist nicht positiv», sagte der viermalige Weltmeister am Sonntag nach dem Großen Preis von Belgien. Platz 13, mehr war nicht drin. «Alle Schwächen kamen zum Vorschein», meinte Vettel.

Nach einem weiteren Fiasko reist die Scuderia ratlos und hilflos zurück zu den Italien-Wochen der Formel 1 mit dem Rennen in Monza und dem 1000. Grand Prix von Ferrari, bei dem Hamilton nun die Siegrekordmarke von Michael Schumacher einstellen kann. «Ich bin 35, fast 36, aber ich fühle mich besser als je zuvor», sagte der Brite.

Lewis Hamilton (M vorne) aus Großbritannien mit seinem Mercedes führt das Feld an

Die Machtdemonstration von Spa im weiterhin schwarz lackierten Mercedes war Hamiltons 89. Sieg. Schumacher kam in seiner Karriere auf 91. Hamilton setzte auch auf der Ardennen-Achterbahn seinen Triumphzug unaufhaltsam mit dem fünften Sieg im siebten Saisonrennen fort. Am siebten Titel Hamiltons und damit ebenso vielen wie Rekordchampion Schumacher holte, sind auch kaum Zweifel angebracht.

Erst recht, weil Ex-Herausforderer Ferrari kapital schwächelt und zum Hinterbänkler-Team degradiert ist. Vettels Teamkollege Charles Leclerc wurde 14. Auf Hamilton fehlte den beiden Ferraris weit über eine Minute. «Es wäre schön, wenn wir über Nacht den Stein der Weisen finden, aber der liegt nicht irgendwo», sagte Vettel: «Es gibt keine Geheimnisse, keine Revolutionen über Nacht.» Statt Mitleid gibt es von der Konkurrenz Kritik. «Das ist nicht gut für die Formel 1 anzuschauen, wo die rumfahren», sagte Mercedes-Teamchef Toto Wolff.

Hamilton verwies seinen chancenlosen Teamkollegen Valtteri Bottas aus Finnland und Red-Bull-Mann Max Verstappen aus den Niederlanden auf die Plätze zwei und drei. Im Klassement hat Hamilton nun 157 Punkte, Verstappen kommt auf 110, Bottas auf 107 – Vettel übrigens auf 16!

Auch ein Re-Start nach einem heftigen Unfall, den Antonio Giovinazzi und George Russell im Gegensatz zu ihren Willams- und Alfa-Romeo-Rennwagen unbeschadet überstanden, störte Hamilton nicht. Er kontrollierte jederzeit das Geschehen und fuhr wie schon zwei Wochen zuvor in Barcelona in einer eigenen Liga.

Ergriffen hatte er seine 93. Pole am Samstag dem gestorbenen Schauspieler Chadwick Boseman gewidmet, ergriffen gedachte er wie alle anderem vor dem Start am Sonntag bei einer Schweigeminute dem vor einem Jahr bei einem Formel-2-Rennen tödlich verunglückten Anthoine Hubert. Als es losging, schaltetet Hamilton in den Perfektions-Modus und machte den Grand Prix durch seine gnadenlose Überlegenheit zu einem ungewohnten Gähn-Rennen. «Es war ziemlich langweilig», konstatierte Verstappen.

Sebastian Vettel (vorne) aus Deutschland, gefolgt von seinem Teamkollegen Charles Leclerc

Auch der Start bot wenig Spektakel. Leclerc kam im Mittelfeld am besten weg und kämpfte sich am Ort seines ersten Formel-1-Sieges vor einem Jahr in der ersten Runde sechs Plätze nach vorne. Vettel, Sieger in Spa vor zwei Jahren, hing fest. Der Hesse ging als 14. in den Grand Prix – und konnte nur einen Rang gutmachen. Während Dauer-Weltmeister Mercedes wenig überraschend das Tempo kontrollierte, konnte in der Anfangsphase einzig Verstappen halbwegs mithalten. Das Führungstrio war im Gegensatz zum Rest der Top Ten von Beginn an mit der mittelharten Reifenmischung unterwegs.

Genau wie Vettel, der nach acht Runden so wieder direkt hinter Leclerc war. Der 22-jährige Monegasse verlor auf weicheren Reifen an Boden. Bevor Vettel auf der Strecke überholen konnte und das später nach einem Boxenstopp tat, löste ein Unfall von Giovinazzi eine Rennpause aus.

Nachdem die Strecke wieder freigegeben wurde, zogen die Silberpfeile erneut davon. Und für Vettel wurde es noch bitterer. Ex-Teamkollege Kimi Räikkönen raste im Alfa Romeo erst vorbei und dann aus dem Blickfeld. Anstatt um Podestplätze in seinem letzten Ferrari-Jahr mitzufahren, stritt Vettel außerhalb der Punkteränge im Niemandsland um die Positionen. Der schwache Motor der Ferrari war auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke unweit der deutschen Grenze schon wieder hoffnungslos unterlegen, nachdem es an gleicher Stelle vor einem Jahr für Leclerc noch zum Triumph gereicht hatte.

Ein weiterer Boxenstopp warf Leclerc zwischenzeitlich sogar auf den letzten Platz zurück. «Warum musste ich noch mal stoppen?», funkte der Youngster fragend und mit wenig Verständnis an sein Team. «Das sagen wir dir später», lautete die unbefriedigende Ferrari-Antwort. Später teilte der Rennstall mit, dass es sich um eine technische Vorsichtsmaßnahme gehandelt habe.

Bottas klagte zehn Runden vor dem Ende über ein Taubheitsgefühl in einem Bein, während sich Dominator Hamilton gar nicht erst mit den Problemen der Konkurrenz beschäftigen musste.