23. August 2020 – Prominente Patienten aus Osteuropa – Nawalny in Berliner Charité

Von Ulrike von Leszczynski, dpa

Der russische Regierungskritiker Alexej Nawalny ist nicht der erste, der nach einer möglichen Vergiftung an der Berliner Charité behandelt wird. Wie kommt es zu solch heiklen Missionen?

Pussy Riot, Julia Timoschenko – prominente Patienten aus Osteuropa, die in ihrer Heimat gefährlich leben, sind an der Berliner Charité keine Seltenheit. Nun wird auch der russische Regierungskritiker Alexej Nawalny in Berlin behandelt. Seine Vertrauten vermuten, dass der Blogger und Aktivist in seiner Heimat mit Absicht vergiftet wurde. Ärzte in Russland sprachen am Freitag dagegen von einer Stoffwechselstörung. Nawalny hatte während eines Flugs in Russland Richtung Moskau das Bewusstsein verloren. Die Maschine landete deshalb in Omsk zwischen – rund 4000 Kilometer von Berlin entfernt.

Doch wenn es politisch heikel wird, können die deutsche Hauptstadt und ihre Kliniken schnell ins Spiel kommen. Bereits am Donnerstag hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angeboten, dass Nawalny in deutschen Krankenhäusern behandelt werden könnte. Dass es dann oft die Charité ist, Deutschlands größte Uni-Klinik, liegt nahe.

Ein Intensivtransporter der Bundeswehr mit dem russischen Oppositionellen Nawalny auf dem Weg zur Charite.

Hier gibt es 17 Medizinzentren, 100 Kliniken mit 3000 Betten – und geballtes Expertenwissen. Nach dem Mauerfall eroberte sich die Charité – auch in der DDR eine Institution – ihren internationalen Ruf zurück. Mit knirschenden Sparplänen und schmerzhaften Umstrukturierungen bekam die landeseigene Klinik, einer der größten Arbeitgeber Berlins, auch ihre Finanzen wieder in den Griff. Unter den 15 500 Beschäftigten sind heute rund 4500 Ärztinnen und Ärzte. Ein großer Schwerpunkt liegt auf der Forschung. In Corona-Zeiten erlangte zum Beispiel der Charité-Virologe Christian Drosten bundesweit Bekanntheit. Einem breiten Fernseh-Publikum in Deutschland ist die Charité auch durch historische Spielfilm-Serien ein Begriff.

Aus der Charité selbst hieß es bescheiden, dass sicher auch andere deutsche Kliniken Nawalny helfen könnten. Nötig kann im Fall von Vergiftungen zum Beispiel die Nephrologie (Nierenkrankheiten) und eine internistische Intensivstation sein. Doch die Charité hat schon 2018 bewiesen, dass sie vergiftete Patienten aus Russland professionell versorgen kann.

Auf Vermittlung der privaten sozialen Initiative Cinema for Peace kam vor zwei Jahren Pjotr Wersilow in einem Ambulanz-Jet mit schweren Vergiftungserscheinungen aus Moskau nach Berlin. Er ist Mitglied der russischen Polit-Punk-Gruppe Pussy Riot. Der Gründer von Cinema for Peace, Jaka Bizilj, war von Wersilows Familie um Hilfe gebeten worden. Auch für Kreml-Kritiker Nawalny hat Filmproduzent Bizilj nun die Rettungsaktion initiiert. Cinema for Peace sorgt für die Finanzierung.

Jaka Bizilj, Gründer von Cinema for Peace und Organisator des Krankentransports des russischen Oppositionellen Nawalny, spricht vor der Charite zu den Medienvertretern

Wer bei solchen Missionen auf politischer Ebene dann genau welche Fäden zieht, bleibt meist im Dunkeln. Dass aber Kanzleramt und Auswärtiges Amt mit im Boot sind, wird vermutet. Die Charité schweigt in der Regel schon aus Gründen des Daten- und Patientenschutzes. Am Samstag hieß es aber von der Klinik nach Nawalnys Ankunft dort, sobald Erkenntnisse vorlägen, werde auch die Öffentlichkeit informiert.

Bei Wersilow aber gab sie vor zwei Jahren eine Pressekonferenz: Ja, es gebe eine hohe Plausibilität für eine Vergiftung, hieß es nach den Untersuchungen. Anders sei die Entwicklung der Symptome innerhalb des kurzen Zeitraums nicht zu erklären. Welches Gift es war, bekamen wohl auch die Klinik-Wissenschaftler nicht heraus. Wersilow selbst vermutete auch deshalb den russischen Geheimdienst hinter dem Giftanschlag.

Charité-Ärzte hatten 2014 auch der ukrainischen Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko wegen chronischer Rücken- und Gehprobleme geholfen. Timoschenko, die damals aus der Haft freikam, hatte im Gefängnis mehrere Bandscheibenvorfälle erlitten. Bereits in der Ukraine behandelten Charité-Ärzte sie auf ihren Wunsch. In ihrer Heimat hatte Timoschenko eine Operation und auch jegliche Spritzen abgelehnt, weil sie den Behörden nicht traute. An der Charité bekam sie unter Narkose Medikamente an die Wirbelsäule injiziert. Nach der gesamten Therapie ging es ihr besser. Für die Kosten kam sie selbst auf.

Auch der ehemalige russische Präsident Boris Jelzin ließ sich seit 2001 in der deutschen Hauptstadt behandeln – allerdings nicht an der Charité, sondern am Deutschen Herzzentrum. Er kam bis 2006 regelmäßig zu Routine-Checks. Jelzin starb 2007. Über andere Polit-Promis als Patienten möchte auch das Herzzentrum nichts sagen – Datenschutz.