27. Juli 2020 – Ehemaliger SPD-Chef Hans-Jochen Vogel ist tot

Im Lauf seiner Karriere hatte Hans-Jochen Vogel viele Ämter inne: Stadtoberhaupt in München und Berlin, Justizminister, SPD-Chef. Über die Parteigrenzen hinweg genoss er hohes Ansehen. Jetzt ist er mit 94 Jahren gestorben.

Der frühere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel ist tot. Der ehemalige Bundesjustizminister starb am Sonntag im Alter von 94 Jahren in München, wo er lange Oberbürgermeister war. Dies bestätigte seine Ehefrau Liselotte Vogel auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Vogel gehörte zu den prägenden Figuren der bundesdeutschen Politik. Sein Ansehen reichte weit über die Parteigrenzen hinweg. Die letzten Jahre litt er an Parkinson. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte ihn als «lebhaften Demokraten, dessen Stimme schmerzlich fehlen wird». Kanzlerin Angela Merkel nannte ihn «eine der prägenden politischen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit».

ARCHIV – 14.09.1984, Bonn: Der SPD-Oppositionsführer Hans-Jochen Vogel während der Haushaltsdebatte im Deutschen Bundestag am Rednerpult. Im Hintergrund auf der Regierungsbank Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Außenminister Hans-Dietrich Genscher (l, FDP).

Geboren wurde Vogel 1926 in Göttingen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in dem er noch als Soldat gekämpft hatte, studierte er Jura. Mit 24 Jahren trat er in die SPD ein. Zehn Jahre später wurde er Oberbürgermeister in München – als jüngstes Oberhaupt einer deutschen Großstadt. Die 4444 Amtstage an der Isar prägten ihn stärker als spätere Stationen. Vogel trug auch dazu bei, die Olympischen Spiele 1972 nach München zu holen.

Wegen heftiger Auseinandersetzungen mit der SPD-Linken warf der damalige Vertreter der Parteirechten das Handtuch und ging in die Bundespolitik. In Bonn brachte er es schnell zum Minister. Parallel machte sein jüngerer Bruder Bernhard Vogel bei der CDU Karriere, bis hin zum Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und Thüringen.

Sein politischer Werdegang war gezeichnet von vielen Glanzpunkten, aber auch Niederlagen: Bau- und Justizminister, für knapp vier Monate auch Regierender Bürgermeister in Berlin. Nach dem Ende der sozialliberalen Koalition 1982 machten ihn die Sozialdemokraten zu ihrem Kanzlerkandidaten. Vogel unterlag jedoch deutlich gegen den CDU-Kanzler Helmut Kohl. Nach dem Fall der Mauer 1989 war er erster Vorsitzender der wiedervereinigten SPD.

In der eigenen Partei galt Vogel zeitlebens als eine Art sozialdemokratisches Gewissen mit unerschütterlichen moralischen Grundsätzen. Abgesehen vom Thema «soziale Gerechtigkeit» trieb Vogel bis ins hohe Alter ein anderes Problem um: der drohende Zerfall Europas. Als der Austritt Großbritanniens aus der EU sich erstmals abzeichnete, sagte Vogel, 70 Jahre Frieden in Europa seien nur durch die Überwindung des Nationalismus möglich geworden.

Die Erkrankung an Parkinson hatte er selbst schon vor Jahren öffentlich gemacht. Bis zuletzt lebte er mit seiner Frau in einer Seniorenresidenz in München. Hier ließ er sich, sofern es seine Gesundheit zuließ, auch besuchen. Vogel diskutierte auch gern über aktuelle Fragen wie die Flüchtlingskrise oder den Aufstieg von Rechtspopulisten. Wer ihn erreichen wollte, brauchte allerdings Geduld – bis zu seinem Tod verschmähte er Handy und Computer.

Die Nachricht von seinem Tod löste über die Parteigrenzen hinweg Trauer aus. Bundespräsident Steinmeier kondolierte der Witwe mit den Worten: «Wir haben einen Mann verloren, der die deutsche Sozialdemokratie und die Politik unseres Landes maßgeblich geprägt hat. Seine Disziplin und Geradlinigkeit, sein Pflichtbewusstsein und sein christliches Menschenbild haben ihm über alle Parteigrenzen hinweg größten Respekt eingebracht.» Kanzlerin Merkel (CDU) ließ über eine Regierungssprecherin auf Twitter schreiben: «Sein Wirken war und ist Inspiration und Vorbild für viele Menschen in Deutschland.»

Die SPD würdigte ihren ehemaligen Partei- und Fraktionschef als «großen Sozialdemokraten». Der Parteivorstand erklärte: «Er war ein großer Sozialdemokrat, ein Vorbild, ein Freund. Hans-Jochen Vogel kämpfte sein Leben lang für sozialdemokratische Werte, eine gerechte Welt und für ein einiges Europa. Er wird fehlen.» Parteichefin Saskia Esken schrieb auf Twitter: «Deutschland und die SPD haben Hans-Jochen Vogel viel zu verdanken.»